23. Juni 2016

Interview mit Prof. Yesim Erim

Foto Glasow

 

Im Vorfeld zum diesjährigen IKTTP berichtet Frau Prof. Yesim Erim, im Rahmen Ihres Vortrags, Interessantes zum Thema "Persönlichkeitsstörungen im Kontext der Migration"

Mehr als 150 Millionen Menschen weltweit leben nach Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung als Migranten in einem Staat, der nicht ihre ursprüngliche Heimat ist. Insbesondere bei psychischen Störungen ist der kulturelle Kontext der Patienten für Diagnosestellung und Therapie unerlässlich. Mit der "Therapie von Persönlichkeitsstörungen bei Menschen mit Migrationshintergrund" beschäftigt sich Prof. Yesim Erim (Universitätsklinikum Erlangen) in ihrem Plenarvortrag (9.7.2016, 9-9:45 Uhr)anlässlich des 10. IKTTP, der vom 8.-10 Juli an der TU München stattfindet

"Angesichts der demographischen Entwicklung, die einen stabilen Anteil von Personen mit Migrationshintergrund mit längerem Aufenthalt in Deutschland aufweist, ist es inzwischen unumstritten, dass ihre besonderen Bedürfnisse in der Krankenversorgung ausreichend erforscht und die Angebotsstrukturen danach optimiert werden müssen", äußert sich Prof. Yesim Erim, Leiterin der Psychosomatischen und Psychotherapeutischen Abteilung des Universitätsklinikums Erlangen. In der aktuellen Auflage des Diagnostischen und statistischen Leitfadens psychischer Störungen DSM-5 wird mit dem Kapitel über Cultural Formulation unterstrichen, dass der kulturelle Kontext der Patienten für die diagnostische Einordnung des Krankheitsbildes und die therapeutische Intervention von zentraler Bedeutung ist.

Stand der Forschung - ein Blick über Landesgrenzen

In ihrem Vortrag gibt Prof. Erim einen Überblick über den Stand der Forschung zurInteraktion zwischen Kultur und den Persönlichkeitsbesonderheiten und -störungen. In Deutschland wurden die Persönlichkeitsstörungen im transkulturellen Vergleich noch nicht erfasst. U.S. amerikanische Studien weisen darauf hin, dass es deutliche Differenzen in der Vorkommenshäufigkeit der Persönlichkeitsstörungen in unterschiedlichen ethnischen Gruppen gibt und die Personen aus ethnischen Minderheiten seltener eine psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung aufgrund dieser Diagnose erhalten. Studienergebnisse aus nicht westlichen Kulturen, z.B. über ein in Japan definiertes Syndrom der sozialen Isolation, „Hikikomori“, weisen darauf hin, dass der kulturelle Kontext und die Entstehungsbedingungen der Persönlichkeitsstörung in der Forschung mehr Beachtung finden müssen.

Einflüsse auf die Lebenswelt der Migranten

Die Lebenswelt der Migranten wird durch die Akkulturation und die abverlangtenAnpassungsleistungen bestimmt. Migranten der ersten und der weiteren Generationen haben einerseits das Ziel, Werte der Ursprungskultur aufrechtzuerhalten, andererseits sich an der neuen Kultur zu orientieren und zu beteiligen. In Ihrem Vortrag beleuchtet Prof. Erim die kulturellen Kontexte einer idealtypisch skizzierten autochtonen und einer ebenfalls idealtypisch beschriebenen traditionalen türkischmoslemischen Kultur. Dabei legt sie den Fokus auf die Beziehung zwischen Generationen und Geschlechtern und diskutiert mögliche Einflüsse auf die Persönlichkeitsentwicklung.